Direkt zum Hauptinhalt springen Direkt zum Hauptmenü springen

Interview F. Stuenkel | Berlin Hyp

Franziska Stünkel Preisträgerin des Berlin Hyp-Föderpreises, im Interview

Die Berlin Hyp hat sich die Förderung junger Künstler zur Aufgabe gemacht und vergibt seit einigen Jahren einen eigenen Förderpreis. Gewinnerin des Jahres 2015 ist Franziska Stünkel, die in den Räumen der Berlin Hyp ihre fotografischen Arbeiten ausstellte.


Für ihre fotografische Serie Coexist sind Sie mit dem Berlin Hyp Förderpreis 2015 ausgezeichnet worden. Im Februar wurde Ihre Einzelausstellung in den Räumen der Berlin Hyp eröffnet.
Wie war die Resonanz und welche Erwartungen haben Sie an diese Ausstellung?
Die Resonanz auf den Berlin Hyp Förderpreis war sehr schön. Ich bin der Berlin Hyp und der Positions Berlin Art Fair sehr dankbar für diesen Kunstpreis, eine wirklich gute Initiative. Es gab viele Gratulationen und damit verbunden weitere Interessenten und Betrachter meiner Fotoarbeiten. Auf der Eröffnung der Ausstellung waren mehr als 200 Gäste, doch das ist ja zunächst nur eine Zahl. Mich interessiert viel mehr, ob ein Diskurs stattfindet: Werden die Fotoarbeiten intensiv betrachtet, ergeben sich daraus Diskussionen, Dialoge und Monologe vor den Bildern.

Warum siehst Du dies und ich jenes. Die Einlassung, das ist mir wichtig: Um was geht es in dem Bild? Welche Emotion löst es in mir aus? Und warum?
Die Befragung des Betrachters seines Selbst, dafür mache ich Kunst. Und letztlich ist damit die Hoffnung verbunden, Achtsamkeit im positiven Sinne zu provozieren, neue Blicke zu öffnen, Veränderungen anzustoßen, zu Prozessen beizutragen. In meinen Fotoarbeiten stecken übergeordnete gesellschaftliche Fragen, aber auch erzählerische und poetische Momente, die in dem Betrachter gerne einen ganz persönlichen Monolog auslösen dürfen. Rund um den Berlin Hyp Preis hatte ich viele intensive Gespräche, daher kann ich sagen: Ich bin wirklich glücklich mit der Resonanz auf die Ausstellung. Ich freue mich, wenn noch viele Menschen eine Einlassung wagen, sich die Zeit dafür nehmen. Für Kunst braucht man Zeit, um sie in sich zur Wirkung zu bringen - aber ist das nicht mit allen wichtigen schönen Elementen des Lebens so?

Als junger Künstler in der etablierten Kunstszene Fuß zu fassen, ist sicher nicht leicht. Welche Unterstützung kann ihnen unser Förderpreis für ihre berufliche Entwicklung bieten?
Neben der eigentlichen Arbeit an der Kunst ist die Sichtbarkeit der Kunstwerke die Basis für die künstlerische Fortentwicklung. Und in der Berlin Hyp ist dies wunderbar gegeben. Ausstellungsort ist das Foyer mit seiner enormen Raumhöhe und großer Fläche. Ein guter Ort für Kunst. Die Ausstellung wird jeden Tag von den Mitarbeitern und den Gästen des Hauses durchkreuzt. Es ist kein einsamer Raum, ganz im Gegenteil: Die Menschen werden hier unmittelbar mit Kunst konfrontiert. Die Ausstellungseröffnung und aktuell auch der Artist Talk verstärken darüberhinaus die Sichtbarmachung. Und natürlich die Zusammenarbeit mit der Positions Berlin Art Fair. Hier wird der Preis alljährlich verliehen. Und diese sehr spannende Kunstmesse zieht Kunstsammler, Kuratoren und Kunstliebhaber an.

Wie schätzen Sie das aktuelle Interesse an Kunst ein und wie kann man gerade der jüngeren Generation Kunst wieder ein Stück weit näher bringen?
Leica hat einmal einen sehr schönen Satz kreiert: „Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings lange dauern.“ Einem guten Foto sieht man das Beobachten, das bewusste Wahrnehmen, die Komposition an und dadurch entsteht die Kraft, die Aussage und die Faszination eines Bildes. Es ist genau das Gegenteil von „Knipsen“ und den unzähligen Smartphone-Schnappschüssen. Das ist faszinierend. Und:
In unserer immer komplexer werdenden Welt werden gerade von jungen Menschen wieder Fragen gestellt und es wird nach Antworten gesucht. Kunst leistet einen enorm wichtigen Beitrag. Ein Bild zu betrachten ist eine Reise ins Ich und gleichzeitig schenkt es neue Sichtweisen. Kunst kann alles sein: Nicht nur Kultur und Wissenschaft, sondern auch Meditation, Therapie, Sinnsuche. Ich glaube deshalb, dass Kunst gerade auch für junge Menschen eine Rolle spielt und weiterhin spielen wird.

Ihre Fotoserie spielt sehr raffiniert mit Spiegelungen. Was ist der Hintergrund zu dieser Idee?
Seit sechs Jahren arbeite ich an einer fortlaufenden fotografischen Serie. Ich fotografiere natürliche Spiegelungen und Reflexionen auf Glas. Oft überlagern sich auf einer Glasscheibe mehrere Ebenen: Innen und Außen, Menschen, Natur, Architektur - alles berührt sich. Für mich ist dies ein Symbol für Koexistenz; daher heißt meine Serie „Coexist“. Mich fasziniert dieses zeitlose und gleichsam hochaktuelle Thema sehr. Denn wir alle leben auf dieser Welt in Koexistenz. Und so suche ich für meine Serie weltweit nach besonders faszinierenden Spiegelungen. In den letzten Jahren habe ich dazu in Asien, Afrika und Europa fotografiert und jede zwei Jahre ungefähr 15 neue Werke veröffentlicht. Ich zeige in Ausstellungen die Fotoarbeiten bewusst hinter Glas, so kann auch der Betrachter sich wieder darin spiegeln und wird zu einem Teil des Ganzen, zu einem Teil der Koexistenz. Meine Fotoarbeiten sehen in dieser Collagenhaftigkeit oftmals so aus, als wären sie am Computer entstanden. Doch das sind sie nicht. Sie sind Realität. Man kann sie genau so mit bloßem Auge sehen. Man muss nicht alles am Computer erzeugen. Für mich trägt die Realität alles in sich – Abstraktion, Poesie und Faszination. Man muss nur genau hinsehen.  
 
Neben der Fotografie sind Sie auch als Regisseurin erfolgreich. Wie schaffen Sie es, beiden Disziplinen gerecht zu werden? 
Ich arbeite sehr viel, ich kenne auch keine klare Trennung, wann am Tag die Arbeit endet und wo sie beginnt. Ich beschäftige mich ja mit dem Menschsein. Und das hört nicht plötzlich auf, nur weil ich das Atelier verlasse. Ich trage schon immer eine große Leidenschaft für Film und Fotokunst in mir. Meine Themen in Film und Fotokunst sind unterschiedlich – und doch eint beide Bereiche der starke Wunsch Inhalte zu visualisieren, die ich als bedeutsam empfinde und dadurch zu Diskussionen und Emotionen anzuregen. Der Prozess ist natürlich verschieden. Mit meiner Fotokamera bewege ich mich auf der Strasse und fotografiere reale Schauplätze und Menschen. Ich bin immer allein unterwegs. Als Drehbuchautorin geht es mir ähnlich. Da finden die Reisen zwar im Kopf statt, aber auch da bin ich allein. Als Regisseurin arbeite ich hingegen im Team. Für meinen Film „Der Tag der Norddeutschen“ waren beispielsweise 400 Menschen im Team in den Herstellungsprozess des Films involviert. Das sind natürlich völlig andere Wege, auf welche Art eine Fotoarbeit oder ein Film bei mir entsteht. Doch der Kern ist identisch: Es geht um Menschen, unsere universellen Gefühle in all der Individualität – und der Sichtbarmachung dessen.   

Wie viel ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in ihren Arbeiten? 
In allem was wir tun steckt Persönlichkeit. In meinen Arbeiten zu 100 Prozent. Es ist mein Blick in diesem Moment, meine ganz persönliche Sicht und Emotion, die zu der Entscheidung führt, dass ich die Fotografie mache und wie ich es mache. Ja, das ist persönlich. Und dennoch sollte Kunst es schaffen, dass die Persönlichkeit des Künstlers zwar stark zu spüren ist, aber gleichsam das Bild genug Räume für unterschiedlichste Betrachtungen bereithält. Dieser individuelle Blick des Betrachters sollte in einem Kunstwerk nicht nur willkommen sein, sondern als Möglichkeit immer vorhanden.